Feminismus ist sexy! Aufklärung für Obergescheite

Es ist erschreckend wie wenig manche Intellektuelle über Sex, Sexualität und Eros zu wissen scheinen und doch glauben, genug zu wissen.

In einem Kommentar im Standard schrieb Bernadette Gruber über Sexualität als “der blinde Fleck des Feminismus“. Nachdem ich ein kleines Seitenprojekt namens Erosophie in Vorbereitung habe, muss ich hier ein paar Zeilen Senf zu diesem Thema rausdrücken. Auch wegen den antifeministischen Äußerungen von Slavoj Žižek, für den die Entzauberung patriarchaler Mythen unsexy seien. Er wird heute, gemeinsam mit Peter Pilz und Robert Pfaller an der Podiumsdiskussion “Talk Europe” teilnehmen und über die “gefährliche Unsicherheit” der Gegenwart sprechen. Ob dort, neben Rechtsextremismus und Populismus, der auch der Feminismus als Gefahr behandelt wird, weiß ich nicht. Das Frauenvolksbegehren macht eine Gegenveranstaltung (ich werde leider noch in der Arbeit sein).

Eines vorweg: Feminismus ist sexy!

Weil: Menschen mit gesunder Sexualität wünschen sich Partner*innen, die sich ihrer sexuellen Lust bewusst sind, die ihr Begehren kommunizieren und ausdrücken können. Viele Menschen, überwiegend, aber nicht nur Frauen, haben damit Schwierigkeiten. Schuld daran sind patriarchale Gesellschaftstrukturen und deren kulturellen Produkte, die dazu taugen, Menschen generell von ihrer eigenen Sexualität zu entfremden. Frauen erleben dies, mit Beginn der Pubertät oder sogar früher, ganz konkret durch sexualisierte Objektivizierung, Viktimisierung und Übergriffe: Ihre Körperlichkeit wird im sexuellen Kontext mit Scham oder Bedrohlichkeit verknüpft – nicht nur singulär, sondern regelmäßig und potenziell überall. Dadurch assoziieren viele Frauen Sex mit diesen negativen Aspekten, haben Schwierigkeiten, ihre Lust unbeschwert zu genießen, orgastisch zu sein und müssen oft daran arbeiten, diese frühen Konditionierungen zu überwinden. Schließlich hört der Wunsch nach sexuell positiven Beziehungen selten auf.

Männer wissen es oft auch nicht besser und halten, meist ohne Widerspruch, an den heteronormativen, pornografischen Vorstellungen von Sex fest. Der Fokus liegt auf seinem Ejakulations-Orgasmus. Männer glauben selbst gerne an den Mythos, dass ihre einzige erogene Zone mit dem Penis-Schaft identisch sei. Und auch sie verpassen dadurch viel zu viel an wundervoller Lust, die guter Sex möglich macht. Guter Sex ist bewusster Sex. Wer bewusst Sex haben will, muss sich, seinen/ihren eigenen Körper und seine/ihre eigene Sexualität gut kennen.

Feminismus ist dafür da, patriarchale Strukturen zu durchschauen und zu überwinden, die uns umgeben und prägen. Er hilft dadurch, uns selbst besser kennen zu lernen und letztlich das unterdrückte Feminine, Shakti oder Yin in uns allen “zurück zu erobern”, zu befreien, wertzuschätzen. Dadurch macht Feminismus auch den Sex besser.

Märchen und Mythen des Patriarchats

“Die Mystifizierung der Sexualität kommt einer Tabuisierung gleich und dient lediglich dazu, die Menschen unter der Kontrolle des Patriarchats zu halten.” 

Es wird vielleicht übersehen, dass mensch die Begriffe Sex, Sexualität und Eros/Erotik unterscheiden muss. Gerade Philosophen sollten dazu in der Lage sein. Wenn Žižek der körperlichen Selbstbehauptung der Frau attestiert, “unsexy” zu sein, beurteilt er lediglich auf Grundlage seiner subjektiven Wahrheit, der ein persönlicher Fetisch zugrunde liegt. Der generalisierende Anspruch dieser Aussage zeigt, dass er sich seines Fetisches, der mit einem Befremden gegenüber dem weiblichen Geschlecht einhergeht, nicht bewusst ist. Er vermeint, dass seine Befremdung die natürliche Ordnung sei und alle Hetero-Männer so fühlen müssten wie er.

Und wenn Robert Pfaller glaubt, dass das #MeToo-Movement, mit seinem Wirken gegen sexualisierte Gewalt, “sexualfeindliche Stimmung” verbreite, leidet auch er unter einer erschreckenden Begriffsverwirrung. Wie können diese erwachsenen Menschen und Philosophen sexualisierte Gewalt und die Verfremdung (= Mystifizierung) weiblicher Körperlichkeit mit erstrebenswerter Sexualität gleich setzen?

Fielen diese Herren der Wort-Schöpfung, in ihrer sexuellen Verwirrtheit, den eigenen Mythen zum Opfer? Das Patriarchat hält Märchen für all jene bereit, die spüren, dass etwas in ihrem sozialen Umfeld, in ihren sexuellen Beziehungen nicht stimmt, aber denen die Worte dafür fehlen. Ein weit verbreitetes Beispiel betrifft Männer und Frauen, die in Bezug auf Sex völlig unterschiedlich geprägt sind – weil er unbeschwert damit aufwuchs, während sie seit jeher in ihrer Weiblichkeit angegriffen, belästigt, beschämt wurde. Dadurch will er unbeschwert und oft Sex, während es ihr weniger leicht fällt, Lust zu bekommen. Das muss zu Missverständnissen und Konflikten innerhalb der Beziehung führen. Und auf der Suche nach Antworten stoßen die beiden immer wieder auf die patriarchale Mär: Dass Männer von Natur aus eben immer begehrend und Frauen immer nur begehrt seien. Dies hat den Zweck, diese Ungleichgewicht als Naturgesetz zu verklären, das mensch nicht weiter hinterfragen müsse. Obwohl die Ursache ganz einfach mit der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft zu tun hat. Und das ist unsexy!

Abgesehen davon: Welcher Philosoph wünscht sich eine Mystifizierung von irgendwas. Das Erkennen dessen was wirklich ist, ist das Grundstreben der Philosophie. Die Mystifizierung der Sexualität kommt einer Tabuisierung gleich und dient lediglich dazu, die Menschen unter der Kontrolle des Patriarchats zu halten.


“Sex-Fetische sind selbstbestimmt und individuell. Mythos und Fetisch, die Žižek und seinesgleichen meinen, sind hingegen fremdbestimmend und generalisierend.”


Und die Erotik?

Dass die Erotik unter diesem Erkennen der Wirklichkeit (weiblicher Körperlichkeit) leide, ist Unsinn. Wenn durch dieses Erkennen Lust verloren ginge, dann liegt es daran, dass eine Angst vor dem Erkannten vorherrscht, die andere Ursachen hat.
Vielmehr entsteht Erotik im Erkennen dessen was Gut ist und – meinen Partner*innen – gut tut. Es ist nicht die Annahme überhöhter (mystifizierter) und entfremdeter Güte, sondern das Erfahren wahrhaftiger Besonderheit und Zuneigung, die im Betrachten, in der Konversation, beim Sex und überhaupt im ganzen Sein mit Anderen erlebt wird.

Eros, das wusste schon Platon, ist ein Mittler zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Er ist ein Freund der Philosophie, denn auch er strebt stets danach, etwas zu haben, was er niemals vollständig und dauerhaft haben kann. Liebhaber*innen streben danach, sexuelle Lust mit ihren Geliebten zu teilen, die nur in Augenblicken bestehen kann. Philosoph*innen suchen nach Lustgewinn in der Weisheit, auch wenn sie diese niemals vollkommen erreichen können.
Erotik ist einerseits die Suche nach Lust und Befriedigung, zugleich ist diese endlos wiederkehrende Suche als Weg selbst das Ziel und an sich ein Lustgewinn. Erotik ist aber auch schöpferisch, kreativ. Die Suche geht weiter, aber sie bedeutet nicht Stillstand.

Und damit widerspricht diese antike Urquelle abendländischer Philosophie den Ansichten der Sophisten Žižek und Pfaller. Eros widerstrebt jeglicher Mystifizierung und Fetischisierung. Denn Eros strebt danach, (Liebhaber*innen) zu erkennen und der Lust und Liebe auf den Grund zu gehen. Dieses Streben steht im Zusammenhang mit der Liebe zur Weisheit.
Authentizität ist eine erstrebenswerte Qualität in jeder sexuellen Beziehung. Das bedeutet nicht, dass mensch nicht einem gewissen Sex-“Fetisch” nachgehen dürfe oder sollte. Im Gegenteil: Kinks und Sex-Spielchen beruhen auf dem bewussten Wollen aller Beteiligten – Sex-Fetische sind selbstbestimmt und individuell. Mythos und Fetisch, die Žižek und seinesgleichen meinen, sind hingegen fremdbestimmend und generalisierend.

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