Was ist der Sinn der Menschlichkeit?

Wird Zeit.

Ich nehme den Kopf mal wieder aus den Internetzwerken. “Too many people making too many problems”, sang Genesis in den Achtzigern. Das Bedrohungszenario ist seither nicht kleiner geworden.

Die nächste Hungerkatastrophe droht

im Südsudan, im Jemen, in Somalia. Kindersterben! Kinder sterben mit aufgeblähten Bäuchen und unterm Bomben-Schutt in Syrien. Für die Satten erfindet man eine fliegende Pizza-Drohne. Zu den Hungrigen kommt sie bewaffnet.

Bad News überall.

Wieder ein Anschlag. Wieder ein Krankenhaus beim blinden Gegenschlag getroffen. Wieder ein Fall von Korruption. Wieder Proteste und Ausschreitungen. Wieder starb ein Promi. Und wieder hat US-Präsident Fünfundvierzig irgendwas gezwitschert.

Liegen sie in der Natur des Menschen,

die Ursachen seiner Katastrophen, seiner Flucht? Ein überbevölkerter Planet führt zu wachsenden Städten, mehr Produktion, mehr Müll, mehr Gift. Führt zu verschmutzem Wasser und Land, Landflucht, Landraub – für die wachsenden Städte, für den wachsenden Bedarf schwindender Rohstoffe, für die wachsende Produktion, für eine zu ewigem Wachstum gezwungene Wirtschaft, die zum Selbstzweck wurde, die ihre Schöpfer und Schöpferinnen  auffrisst, damit diese genug zum Fressen haben, zumindest einige von ihnen – führt zu Konflikten und Kriegen. Es fürchten sich manche vor dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz.

Die Fluchtursachen werden vermutlich genauso zunehmen wie die Massenproduktion; so viel Verlust, neben so viel Gewinn. Massen an Waren. Für dein ganz persönliches Glück. Das ganze Glück für die Einzelnen, einzelne Menschen, einzelne ihrer Schubladen, einzelne Staaten. Alle wollen alles, aber nicht für alle. Wer teilt verliert, sagen die neuen Spielregeln der Menschen. Wer nicht teilt, verliert auch, sagt die Natur. Massen an Menschen. Den überalternden Gesellschaften stehen die Massen der Waisen dieser Welt gegenüber; und die Einen finden nicht zu den Anderen. Man müsse die Zahl der Flüchtlinge reduzieren. Das sagen sie, aber sie meinen die Zahl der Ankommenden. Massen an Waffen, die bleiben, die dürfen, die müssten, wegen den Waffen der Anderen. Aus einigen armen Würschteln werden “heilige” Krieger. Andere landen in der Sklaverei, der modernen, die man deshalb anders nennt. Wofür, für wen wirklich? Und wie lange noch?

Die Berufspolitik ergreift Maßnahmen. Verzweifelt nach Strohhalmen. Sie spricht über Flüchtlingslager in den Krisenregionen, vielleicht, irgendwann. Die Balkanroute wurde bereits geschlossen. Auch ohne Alternative. Der österreichische Außenminister ist so stolz drauf, man könnte glauben, er hätte es eigenhändig vollbracht, die ehemaligen Kronländer nach seinem Willen dirigiert. Man solle es ruhig glauben. Auch sei jetzt alles sicherer. Abschreckung sei gut für Flüchtlinge. Die ertrinken allerdings weiterhin im Meer, stranden auf überfüllten Inseln, und  bleiben dennoch auf dem Weg hierher, wenn Hatschi-Bratschi-Erdogan sie nicht fängt. War das jetzt politisch unkorrekt?

Aber wenigstens gibt’s einen Burka-Bann und eine Kopftuchdebatte in Österreich. Für mehr Integration oder Sicherheit oder Umfagewerte. Weniger Familienbeihilfe für Kinder, die bei billigerern EU-Nachbarn leben. Es brauche nämlich mehr Europa – sagt die eine Hand. Von mehr Solidarität ist nicht zu reden. Weniger Mindestsicherung in den Bundesländern. Mehr Geld für unsere Leut – nur nicht für unsere ärmsten Leut, niemals für die, die’s brauchen, immer nur für die, die sich’s nehmen können. Gehen eh nimmer wählen. Hinter der Mittelschicht, die keine mehr ist, beginnt die Sintflut. Die andere Hand befriedigt sich selbst. Haben ja selber nix. Der Reichtum wird mehr, aber keinem will er gehören. Steuern sind der Feind, der Staatsfeind. Und auf die öffentlichen Wege scheißt der Hund. Die Besitzer*innen fühlen sich nicht betroffen.

Wenn Rechtspopulisten ihre asoziale Politik aussprechen, wird sie auch so geschimpft. Bei den anderen Parteien heißt sie “Komprommis”. Man müsse realistisch bleiben. So sind alle kompromittiert: Die Einen setzen das Asoziale dort um, wo sie können, die Anderen, wo sie glauben zu müssen. Es wird nicht regiert, nur reagiert auf die ewige Krise. Die Berufspolitik hat die Hosen voll, sie könnte Wahlen verlieren und die veliert sie darum auch, weil das Volk es riechen kann.

In der Mythologie vom ewigen Wirtschaftswachstum spielt die ewige Krise den Teufel. Der ist an allem Schuld. Wirkung wird zur Ursache. Das hilft der Berufspolitik beim Maßnehmen.
Sie spricht nicht von den Flüchtlingslagern in den Krisenregionen, die es bereits gibt und denen sie das Geld für Lebensmittel halbiert hatte, ehe die “Flüchtlingskrise” begann. Wie nimmt man Maß für ein Menschenleben? Man maß-nimmt es als Maß der “Krise” gefallener Engel.

“Die Krise” und ihre Region ist überall, wo sie gebraucht wird. Sie ist  der Dauerbrenner. Gute Ausrede für jede Barbarei.
Die Barbarei wird verteidigt, indem man von ihr nicht als Kritik der Zivilisierten gegenüber den Unzivilisierten spricht (wäre das nicht ebenfalls politisch unkorrekt?), sondern sie als Handlung der neuen “edlen Wilden” vermeint. Barbarei, Machtmissbrauch, Gewalt und Grausamkeit wird wieder als “Naturrecht” gefeiert. Nennt sich heute gerne auch “Notstand”: Genug Not für wendige Maßnahmen, für die Not nach Maß. Obergrenze für Flüchtlinge und Mindestsicherung, maßgenommene Menschen. Bis dahin darf die Not gehen. Ihre Ursachen gehen weiter. Denn Gier und Dummheit kennen kein Maß. Und das ewige Wachstum ist Maßlosigkeit. Auch der Tumor stirbt, wenn er den Körper tötet.

Keine Obergrenze gibt es für Immobilienspekulationen, zum Beispiel am Wiener Ring, wo der Kulturleistungsstolz für die historischen Bauten der Ziegel-Sklaven und Sklavinnen dort endet, wo ein G’schäft zu machen ist. Man könne auf die UNESCO genauso verzichten, wie auf die EU. Das muss nicht stimmen, es muss nur geglaubt werden. Dank sei dem politischen Gegner! Jetzt darf man wieder Arbeiter*innnenverräter*in sein – mit zwei Sternchen. Und die Banken sind so sicher wie die Atomkraftwerke.

Wer auf der falschen Seite des Mittelmeeres zur Welt kommt, wäre selber schuld. Die Ungläubigen müssten sterben. Die Papierlosen sollten abgeschoben, die Einkommensschwachen (durch die Einkommensstarken) entrechtet, die Fans vom anderen Fußballverein verprügelt werden. Du Opfer! Warum? Weil die Starken die Schwachen fressen? Wäre schon immer so gewesen. Wie in der Natur, wo der Wurm den Löwen frisst, nachdem dieser erlegt wurde vom Virus.

Aber den Selbsterhaltungstrieb kann man doch niemandem absprechen. Die “Weiße Rasse” will sich nur vor der Rassenvermischung schützen, um zu überleben; die Islamisten vor den Ungläubigen; die Nationalisten vor der Überfremdung; die selbsternannten Sprecher der “einfachen Leute” vor den Noch-Ärmeren; die Klimawandel-Leugner*innen vor den Wissenschaftler*innen, die Sexisten vor den Feministinnen; die Diktatoren vor öffentlicher Kritik und Fünfundvierzig vor allen, die seinen Tweets kein Herzerl schenken. Nur die Lebensgrundlage aller, der Lebenden und der noch Ungeborenen, Wasser, Luft und Erde, wer will sie schützen? Die unrealistischen, weltfremden, dekadenten, ungläubigen Hippie-Schwuchteln. Und vielleicht ein paar Gutmenschen-Bobos. Man müsse doch auf sich selbst schauen, gerade jetzt, da die Welt ständig untergeht. Da werfe man alle Hoffnung über Bord und die Menschlichkeit hinterher!

Also geht die Welt unter? Und das Letzte, das die Einzelnen tun sollten, sei das Allerletzte, das sie tun können? Sich in Angst, in Panik von einander abzuwenden, über die Sterbenden hinweg nach einer illusorischen Sicherheit zu fliehen, wartend auf den eigenen Tod, das Elend der Welt vor Augen, das wir auszusprerren versuchen? Sollen wir uns im Angesicht des jüngsten Gerichts vor die Teufel in den Staub werfen und sie zu unseren Führern wählen, weil sie die Einzigen sind, die uns versprechen, mit dem Elend der Sterbenden vor unseren Augen aufzuräumen? Sollen wir lernen uns selbst zu hassen, damit wir andere nicht lieben müssen, deren Leiden ansonsten zu unserem Mit-Leiden würde? Und wenn es das Letzte ist, das wir tun? Sollen wir so enden? Soll das der letztendliche Sinn des Ganzen sein?

Oder ist doch nicht alles so schlimm? Und vielleicht verzichten die Mächtigen noch ein Weilchen aufs nukleare Armageddon, mit dem sie die Menschheit in Geiselhaft halten.
Na! Dann finden wir vielleicht auch noch ein Plätzchen für eine Familie, die vor Krieg, Terror, Hunger und Elend floh? Genau, ausgerechnet für diese eine. Solange es keine bessere Lösung gibt – für die Notleidenden und für uns. Und auch wenn Ungarn oder Polen etwas dagegen haben. Deren Reagierungen haben auch etwas gegen Rechtsstaat und Meinungsfreiheit. Passt alles zusammen. Sie diskutieren über Hitlers Geburtshaus, was damit geschehen solle, jetzt da es der Republik, also uns allen gehört. Sie diskutieren, was die Neonazis darin sehen könnten. Sie fragen sich nicht, was sie selbst darin sehen.

Wer wählte den Brexit? Oder US-Präsident Troll? Menschen, die sich nicht betroffen fühlten. Die aber andere treffen wollten. Wenn alle nur auf sich selbst und nicht aufeinander schauen, werden wir uns alle noch anschauen – und zwar ziemlich deppert. Auch Solidarität ist Mitglied der menschlichen Natur. Wird Zeit, sie einmal wieder anzurufen. Keine Sorge, mit der Menschlichkeit ist man nicht allein.

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