Höllenhitze und die eiskalte Berührung mit der Außenwelt

Über die Entfremdung zur Außenwelt, die Welt-Hitze, den Tod und eine Bissburkn 

Die Lage

Es ist über ein Jahr vergangen, seit ich mich in mehr als einer gewissen Weise zurückzog – vom Schreiben für Andere, weitgehend vom politischen Beobachten, vom Job einige Wochenstunden weit, bewusster von veralteten Freundschaften, vielleicht endgültig. Ich zog mich zurück von dieser Außenwelt, um zu lernen, wieder mit ihr in Kontakt zu treten – als der, der ich bin.

Hallo, mein Name ist Stefan… Anse! Das ist die Abkürzung für Antonik-Seidler. Sollte das Inkontakttreten einfacher machen, nicht wahr? Man liebt es, Abkürzungen nehmen zu können. Sollte man nehmen. Man sollte kürzere Sätze verfassen, zusammenfassen und überhaupt leichter zu fassen sein. Man sollte sich durch „man“ vom Selbst distanzieren. Es könnte schließlich peinlich werden, wenn es persönlich wird.
Allerdings bin ich kein „Man“. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich ein „Mann“ bin. Ich vergleiche mich innerhalb der Außenwelt. Der kleinste gemeinsame Nenner ist der Penis. Der größte löst sich auf in der Konstruktion der sozialen Geschlechter.

Was hat das alles zu bedeuten? Darauf gehe ich gerne näher ein, wenn diese Hitzewelle vorbei ist; diese Höllenhitze, deren Last für die Seele in jener Erkenntnis wuchtig wirkt, dass sie nur der Anfang vom Ende einer Welt ist, die meine Generation nur als Ahnung, inspiriert von Kinderbüchern und alten Fernsehserien, kennengelernt hat. Es hatte längst zu enden begonnen, als wir geboren wurden. Und es gibt kein Entkommen. Man kann sich nur anpassen oder aussterben. Das Gleiche gilt für Mensch und mich.

Dabei habe ich gerade gelernt, mich nicht mehr anzupassen. Ja, es ist und bleibt wohl eine Frage des richtigen Maßes; eine Frage der richtigen Frage zudem, der Präzision. Was passe ich an was an? Es gibt so viele Möglichkeiten und so viel schönen Schein und bösen Trug.

Die Regierung

Die aktuelle Regierung (meines Staates Österreich) passt zu dieser vertraut ans traurige Herz gewachsenen Weltüberhitzungsstimmung. Ich habe diesen politischen Klimawandel ebenso kommen sehen wie den weltklimatischen. Er ist keine Überraschung. Er enttäuscht umso mehr. Warum erfüllte sich die Hoffnung nicht, meine Vorurteile mögen falsch sein? Diese Außenwelt bietet keine Überraschungen mehr – nicht einmal hässliche.

Alles was sich in der politischen Landschaft zur Zeit vollzieht, diese Normalisierung der Korrumpierung, diesem Siegeszug einer Schleimspur durch die mediale Landschaft, diesem Triumph der Unwahrheiten und des Todschweigens der Wahrheit – deren Existenz in Zweifel bis hin zur Verzweiflung jeglicher Vernunft gezerrt wird – kurz dem endgültigen Sieg des Populismus über die Politik – all das passt zur dieser irren Stimmung, dieser Außenweltstimmung…
…Wie ihr Wandel zu meinem Inneren passt, obwohl sich dort Gegenteiliges spiegelt. Ich finde zu einer Stille und einer Wahrheit über mich selbst, die tiefer reicht als die augenscheinliche Existenz eines Menschen, der sich durch einen Alltag wälzt, der längst mich mehr sein eigener ist.

Alles dort draußen ist polemisch aufgeheizt, aber menschlich bleibt es eiskalt; und alles, was dort draußen liegt, liegt ständig in und bei uns; an uns tragen wir die cybertechnologischen Fortsätze, die uns mit dem immerwährenden Markt-Zwang zur Auffälligkeit und Ausfälligkeit, zum Irrsinn des Internets verbindet. Sie passt dazu, diese gelfrisierte, inszenierte Eiseskälte im Heimatfilm-Idyll, über dem die Gletscher schmelzen; sie passt wie eine ausgelaugte Immobilien-Maklerin auf hohen Absätzen, die dieser Hundstage meinen bösen Vorurteilen alle Ehre macht.

Die Marklerin

Als Skeptiker betrachte ich es natürlich als meine Pflicht, zu allererst an mir selbst zu zweifeln. Ja, wir waren pünktlich zur Hausbesichtigung, ich und meine Gefährtin. Wir wohnen in der Nähe. Ich beobachtete darum ein Grübeln. Aber als wir unsere Familien-Konstellation als Wohngemeinschaft beantworteten und der Dame das Lächeln erfror, hätte ich der Fassade eigentlich schon keine Aufmerksamkeit mehr schenken dürfen. Ich bin immer so scheiß-höflich. Das ist vermutlich so eine Konditionierung, von der ich mich so ungern trennen möchte wie von alten Schallplatten, für die mir der Plattenspieler fehlt – und ich ziehe verdammt oft mit ihnen um.

Aber warum zieht ein Mensch so oft um? Warum arbeitet es als Teilzeit-Angestellte*r im Sozialbereich? Warum ist es nicht verheiratet? Warum hat es kein Auto? Oder wie viele haben Sie nochmal? Die Garage ist jedenfalls groß genug. Ja, wunderbar groß die Küche.
Aber die Zimmer… Wer würde sich denn das Kleinste nehmen? Und wenn dann einer auszieht? Wie soll die Vermieterschaft dann wissen… die hat ja auch ein “Ausländerproblem”?

Der Tonverfall der Maklerin in die Geringschätzung hatte beinahe etwas sittenwidriges, ihre etwas gegerbten Mundwinkel wollten vermutlich Spott zum Ausdruck bringen: Da wolle man sich natürlich möglichst kostengünstig wohnen und dafür pferche man sich zusammen in ein Haus.
Das hat man nun von seinen Mühen. Die Sache war schließlich längst erledigt. Wir aber opferten unsere Zeit dieser ahnungslosen Person, deren Vorurteile eben nicht so gut sind wie meine, um sie über Wohngemeinschaften erwachsener Menschen aufzuklären. Wir kamen nicht dazu.

Die Ablehnung der Vermieterschaft passte so herrlich zu ihrer offensichtlich persönlichen Abneigung gegenüber Gemeinschaften bildenden Möchtegern-Hippies wie das bröckelnde Make-Up zur dilettantischen und doch so effektiven Show des neuen Gut-Bürgertums. Vermutlich darum wurde auch die psychologische Unterstützung meiner Gefährtin – die anmerkte, dass sie bemerke, dass die Maklerin von schlechter Laune befallen worden sei – nur undankbar aufgenommen.
Ich bin froh, dass meine Partnerin spontan die Geduld verlor. Wenn diese auf die Vierzig zuginge, sollte sie lesen können? Ich bezeichnete diese Äußerung lediglich als Unverschämtheit. Sie war mehr als das.

Nachdem die Gefährtin hinaus stürmte und ich folgte – immer noch grübelnd, ob ich nicht besser hätte die Contance verlieren sollen – stellten wir fest, dass Frau Bissgurkn (Name geändert) nicht nur schlecht im Vorurteilen ist, sondern auch im Beurteilen ihrer eigenen Angelegenheiten. In ihrer Anzeige wurden Wohngemeinschaften tatsächlich nicht ausgeschlossen.

Das Fazit

Es ist im Großen und Ganzen heiß dort draußen, aber eiskalt bei Berührungen. Die Fassaden fallen schnell in diesem Klima; und das Misstrauen gegenüber jenen, die sich mit jeder Menge materieller Künstlichkeit umgeben ist berechtigt. Ihre Gedanken und Gefühle verbergen sie unter Make-Up und Haargel, bis Du ihnen einen Raum bietest, in dem sie sich sicher fühlen: Sei es der Vorhof Deiner Empathie, in den Du sie einlädst – der Dich für diese Menschen jedoch nicht als Gastgeber*in auszeichnet, sondern als Mitmenschen geradezu entlarvt und diffamiert. Denn was fürchten sie mehr als ihre eigene Menschlichkeit?
Oder sei es das Internet, in dem die Grenzen der Intimität und des Privaten sich so sehr in der Gesellschaft auflösen wie Hannah Arendt es sich vielleicht nicht hätte albträumen lassen. Sie werden ihr wahres Gesicht immer öfter zeigen. Erstens, weil sie das gewaltige Ausmaß ihres Verstellens, Lügens und Fassaden-Bauens zunehmend erschöpft. Zweitens, weil sie sich zugleich immer sicherer fühlen, zu sagen und zu zeigen was sie denken: Wer von den gesellschaftlichen Dogmen des Gut-Geld-Bürgerlichen abweicht, hat nicht einmal mehr ein Mindestmaß an Höflichkeit verdient.

Wie wohlig warm fühle ich mich nun wieder unter meinen „Ausländerproblem“-Nachbarn. Diese haben zwar eine problematische Beziehung zu Einfachzucker und unsere Buden sind schlecht isoliert. Aber ihre Berührungen, ihre Worte lassen Dich nicht frieren. Der Queer-Mann wird toleriert. Was bleibt ihnen anderes übrig? Und es gibt nichts zu neiden, nur zu teilen.

Der Tod

Währenddessen habe ich den Tod im Gedächtnis – den Hitzetod einer entfremdeten Welt, die vielleicht im Eissturm untergehen wird – und mein ganz eigenwilliges, persönliches Sterben in mehr als einer gewissen Weise. Eine Stille kehrt in mir ein. Die Stoa lockt mit ihren kühlenden Gemäuern. Und der Tod ist der Vater meiner verbleibenden Zeit – der Zeit die zählt. Ich atme in seiner Gegenwart – tief, ruhig. Angst wird zu Leben, das gelebt werden kann. Immer.

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