Weih-Nacht-Bucheintrag

20 bis 24. Dezember. 2019

Schlafzimmersonne. Des Jahres tiefste Bahn führt früh genug hinaus und hinan. Weg vom Trubel geht‘s, hinauf die Wiener Erhebungen mit Wienerwaldbewuchs und matschigen Wiesen. Advent heißt Ankunft. Darauf scheinen beinahe alle hinzuarbeiten. Eine geteilte Stimmung der Vorfreude liegt in der Föhnluft. Hoffentlich ist alles bald wieder vorbei, was mensch sich antut, um jenen Moment zu erreichen, wenn alles wieder vorbei ist – der schönen Kindheitserinnerungen zuliebe, der Tradition wegen, die funktioniert wie stille Post. Es wird ja doch immer alles anders.

So erreicht das Jahr seinen Höhepunkt, in dieser besinnlich besinnungslosen Zeit, die so schön finster und still sein könnte. Wir spiegeln uns seinen Verlauf wider, der Konsumstress zieht im Zeitraffer vorüber. Die Glühweinstände für den guten Zweck an jedem Eck legitmieren billigen Alk mit zu viel Zucker, auch schon vor vier. Hackler, noch im Arbeitsgewand, torkeln spät abends entlang der Hauptpunschadern, hinein in die U-Bahnen oder doch wieder hinaus. Auf den Häuptern der weiblichen Mitglieder lustiger Runden leuchten rote Rentiergeweihe. Was sie trinken, esse ich an Schokolade. Nikoläuse nehmen kein Ende. Mandarinen sollte ich mir ausdrücklich wünschen, im nächsten Jahr. Oder auch nicht. Wer weiß wo die herkommen.

Hat aber auch seine schönen Seiten, diese Weltuntergangsstimmung am Darm- und Jahresende. Die tiefe Sonne, die verlängert erscheinende blaue Stunde, die kahlen Bäume des blütenlosen Winterwunderwaldes, mit seiner feucht triefenden Frühlingshaftigkeit, der sanfte Föhn, der nicht mehr nach Schnee riecht, sondern nach einem sterilisierten Herbst, dem die Fruchtreife und die Fäulnis fehlt, mit Nebel und Niesel eines schier endlosen Novembers: das alles wurde irgendwie zur Gewohnheit. Kopfweh verbinde ich mit den Weihnachts- und Neujahrstreffen der Freund*innen sowieso. Früher lag’s am Alkohol, heute am Wetter, manchmal an den Gesinnungen und Handlungen meiner Mit-Midlifekrisler*innen.

Plötzlich kommt mensch in ein Alter, in dem gestorben wird. Es ist erschreckend. Manche bleiben sterbend, halbtot am Leben. Die Toten wie die Untoten waren früher Teil unserer Spiele, unserer Fantasie. Heute machen sie sich zu einem Teil meiner Realität. Vielleicht bedeutet ja endlich das erwachsen zu werden? Es ist alles kein Spiel mehr. Die Monster sind Wirklichkeit geworden. Ich bekämpfe sie immer noch mit Pen & Paper.

Und Trolle bevölkern nun auch das Internet in den Geselligkeitsmedien, im öffentlichen Austausch von Behauptungen. Was du auch sagst, sie stürzen sich auf einzelne Begriffe wie ausgehungerte Chihuahuas auf Schinkenröllchen und beißen sich an ihnen fest, im Glauben, damit alles in Besitz genommen zu haben, was sie brauchen, um zu dominieren – was auch immer sie glauben, dominieren zu wollen, vermutlich ihre Egos. Und jeder Kritik, die du hinaus wirfst, rennen sie hechelnd hinterher und legen sie dir erneut vor die Füße. Du erklärst dich, du beziehst dich auf ihre Aussagen, wiederholst sie, wiederholst dich. Währenddessen kläffen sie ihr Spiegelbild an, ziehen sich auf ihre Unwissenheit zurück, wo sie sich sicher genug fühlen, was auch immer sie möchten über dich behaupten zu können. Dann wirfst du noch einmal und noch einmal, bis du das Spielchen satt hast. Die Wahrheit muss mensch wollen. Ein Troll entsteht, wenn ein Mensch, der an die Allmacht grässlicher Monster glaubt, sich selbst entmenschlicht, um ebenfalls ein solches Ungetüm sein zu können.

Andere beten in der größten Not zu Maria, die voller Gnade ist, vielleicht im Gegensatz zum Oberpatriarchen im Himmel oder was auch immer sich die Monotheist*innen als Gott so vorstellen. Kein Weihnachten ohne die Gottesmutter, die Perfekte, die sowohl gebärende als auch „jungfräuliche“ Frau. Die ganze Mühe ohne Spaß hat die Magd Gottes. Sie ist nicht nur sauber, sondern rein. Und dann machen sie die katholische Kirche draus.
Was will Mann mehr? Den Sex sucht er sich bei Frauen, die er nicht anhimmeln muss. Heimlich sehnt er sich nach dem Mütterlichen, dem er keinen öffentlichen Raum zugesteht. Heimlich fürchtet er sie, diese Macht, die es über das Leben hat, in Frieden schaffend, wo Kreuzritter nur gewaltsam zu walten wissen. Die Patriarchen erhöhen sich mit Tand und Titeln, um zu herrschen und zu richten die Lebenden und die Untoten und die Punsch-Betrunkenen. Ihre Frauen bewahren indessen das Geheimnis der Erde im Verborgenen, uneigennützig, unkompliziert, meist unbewusst. Die Wärme ihres Feuers suchen Männer der Erde. Sie wissen die Körper zu ehren. Lass die Anderen himmelwärts streben!

Unschuldig bei der ganzen Sache ist das Christkind. Unschuldig sei Maria, die perfekte Unberührte. Das heißt, sie sollen nicht am Leben sein. Wer am Leben ist, kommt mit der Schuld in Berührung. Das lange Warten auf das Leben, das kommen möge, wenn es erst einmal vorbei ist: daran erinnert uns die Weihnachtszeit. Vielleicht irre ich mich.

Föhnwarm nieselt der Regen in der frühen Dunkelheit. Ich möchte mich verkriechen in alte Verhaltensmuster, ablenken mit Bewältigungsmechanismen, aber die blöden Dinger funktionieren nicht mehr so richtig. Wurden zu lange nicht mehr gewartet  vermutlich – oder es fehlen Updates. Es gibt so viele Möglichkeiten und ich stelle fest, dass auf dem Weg zur Zeitvergeudung derselbe als Ziel genügt. Ich muss mich nicht mehr spielen.

Geschenkspapier bedeckt meinen Fußboden. Ich bin allein. Meine Geliebten verstreuen sich in alle Windrichtungen, auf der Suche nach ihren Eltern und vermutlich dem, was dort von der erinnerten Kindheit übrig geblieben ist. Für mich sind diese längsten Nächte zum Durchwachen da. Morgen gehört uns allen. Bis dann! Frohes Feiern! Frohes Nachtwachen und frohe Weihnachten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to top