Mediale Toxizität – Wie moderner Feminismus bekämpft wird

Beispielhaft versucht Andreas Kunz (Link: Tagesanzeiger) von der Debatte über toxische Maskulinität abzulenken, indem er eine über „toxische Weiblichkeit“ anstoßen will. Ein Be-Griff ins Klo. Und ein Angriff auf Frauen und Feminismus. Erklärung:

Unter Whataboutism (Engl., frei übersetzt: Aber-was-ist-mit-ismus) versteht man ein weit verbreitetes Verhalten, vor allem bei Online-Debatten, auf konkrete Kritik zu antworten, indem man von unkonkreten Problemen zu sprechen beginnt, die nicht in die Kritik miteingeschlossen wurden. Dadurch will man suggerieren – ohne jemals den sicheren Boden des Unkonkreten zu verlassen – dass die Kritik insgesamt unzulässig sei. Man kann dies gut beobachten anhand der Whataboutism-Antworten auf Bewegungen wie #blacklivesmatter (Antwort: #alllivesmatter) oder #metoo (Antwort: #mentoo). Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auf einen viel-getwitterten Begriff wie #toxicmasculinity, jemand antworten würde: Hey, aber was ist mit toxischer Weiblichkeit?!

Ja, was ist mit ihr?

Andreas Kunz skizziert uns in der Sonntagsausgabe des Schweizer Tages-Anzeiger ein Bild von Frauen mit aufgespritzten Lippen, modellierten Gesichtszügen, Silikonbrüsten und „Pornohintern“, die sich einem angeblich „einheitlichen“ Schönheitswahn hingeben würden, um Likes in den sozialen Medien zu erhalten. Dieses Verhalten bezeichnet er als „toxische Weiblichkeit“ und bemängelt zugleich, dass darüber, im Gegensatz zur toxischen Männlichkeit, nicht gesprochen würde.

Abgesehen davon scheint er der angeblichen Forderung nach Diversität in „akademischen Kreisen“, darüber hinaus Emanzipation und Feminismus als solchem vorzuwerfen, dieses Problem nicht verhindert zu haben. Die selbe Argumentationsweise kennt man von reaktionären Kommentatoren, die auf den Whataboutismus zurück greifen, um vor allem den Stimmen marginalisierter Gruppen wie (wehrhafte) Frauen, Schwarze oder Queere zu entgegnen.

„Die Unterstellung, die Ursachen hätten mit reiner Eitelkeit zu tun,
verhöhnt die Opfer psychischerErkrankungen und sexistischer Gesellschaftsstrukturen“

 

1. Schönheitswahn – pathologische Folge der Objektifizierung von Frauen

Das, wovon Kunz schreibt, ist tatsächlich ein häufiges Phänomen. Er missversteht aber die Ursachen des so genannten „Schönheitswahns“ – und so weit könnte man ihm bloße Unkenntnis vorwerfen. Viele Menschen, darunter auch Männer, lassen kosmetisch chirurgische Eingriffe an sich vornehmen, ohne dass man es auf den ersten Blick erkennt (oder erkennen soll). Darunter fallen „Muskel“-Implantate bei Männern oder Charme-Lippen*-Verkleinerungen bei Frauen.

Personen, die nicht damit aufhören können, ihr Äußeres durch kosmetische Operationen zu modifizieren und dadurch für den Tages-Anzeiger erst sichtbar werden, leiden meist unter einer Sucht nach vermeintlicher Selbstoptimierung. Die Gründe dafür sind also psychopathologisch. Was dadurch verschlimmert und in seinem Charakter einer Suchterkrankung erkennbar wird, dass sich viele Betroffene finanziell ruinieren.

Die Ursachen für diese Erkrankung beginnen allerdings – genauso wie bei gewissen Fällen von Essstörungen – mit einem Problem, das gerade von Feminist*innen thematisiert wird:
Body shaming – also die Stigmatisierung, Belästigung, Ausgrenzung und Anfeindung von Menschen, die einem gewissen Schönheitsideal nicht entsprechen, können Menschen bereits in der Kindheit erleben. Dies setzt die Saat für spätere Erkrankungen, wie jene des „Schönheitswahns“.

Aber vor allem: Die meisten Opfer von body shaming sind immer noch Frauen (Doku-Empfehlung dazu: „Embrace – Du bist schön“)! Was daran liegt, dass Frauen in unserer Gesellschaft immer noch weitgehend, vor allem im sexuellen Kontext, objektifiziert werden. Das heißt, sie werden über ihr Äußeres bewertet. Das ist ebenfalls ein Problem, das von Feminist*innen bekämpft wird.

Die Unterstellung, die Ursachen ausschweifender Kosmetik-OPs hätten mit reiner Eitelkeit und weiblichem Konkurrenz-Denken zu tun, verhöhnt die Opfer psychischer Erkrankungen und sexistischer Gewalt – wie sie in Form von Body-Shaming bzw. der Objektifizierung von Frauen geschieht – gleichermaßen.

„Wenn man erst einmal von geschönten Bildern absieht, wird man feststellen, dass erfolgreiche Bloggerinnen darüber hinaus auch interessante Inhalte liefern.“

 

2. Verzerrtes Frauenbild – Follower-Blase lässt grüßen

Der Tages-Anzeiger-Artikel spricht von diesem Problem, als wäre es ein einheitlicher Trend unter jungen Frauen. Das liegt vielleicht an der Follower-Blase, in er sich befindet – also jenem Netzwerk an Kontakten innerhalb der sozialen Medien, denen man „folgt“, weil sie ähnliche Meinungen/Interessen haben oder weil immer nur Kontakte mit solchen Personen knüpft, die man über bereits vorhandene Kontakte kennt. Auf diese Weise entsteht eine „Blase“ an gleichen Ansichten und Aussichten, die auch dadurch abgegrenzt wird, dass Suchmaschinen die Suchergebnisse für einen (auch zu Werbezwecken) entsprechend vor-selektieren.

Weitgehend befinden wir uns alle in solchen Blasen. Es ist auch durchaus zutreffend, dass es Soziale Medien das Geschäft mit so genannten „Schönheits“-Ops beflügeln. Frauen, die sich zu solchen Eingriffen bewegen lassen, haben jedoch einerseits unterschiedliche Gründe dafür. Andererseits entsprechen nicht alle dem im Tages-Anzeiger skizzierten Bild.

Man sollte auch nicht immer auf die vielen Pop-Up-Seiten mit pornografischen Werbeinhalten klicken, wenn man junge Frauen kennen lernen möchte, die einem anderen Frauen-Bild entsprechen.

Natürlich versuchen Mann und Frau sich auf Instagram oder YouTube attraktiv in Szene zu setzen, Blickfänge zu erzeugen. Viele junge Frauen produzieren entsprechend geschöntes Bildmaterial. Aber wenn man erst einmal von Foto-Filtern und tiefen Ausschnitten absieht, wird man feststellen, dass erfolgreiche Bloggerinnen darüber hinaus auch interessante Inhalte liefern.

„Den Begriff der toxischen Maskulinität das Problem des chirurgischen Schönheitswahns gegenüber zu stellen,
entlarvt nicht nur Unverstand.“

 

3. Der Klo-Griff: Falscher Vergleich

Hierbei verliert der Artikel seine Unschuld. Von feministischen Themen keine Ahnung zu haben ist eine Sache. Aber dem Begriff der toxischen Maskulinität das Problem des chirurgischen „Schönheitswahns“ gegenüber zu stellen, entlarvt nicht nur Unverstand, sondern auch den methodischen Verschleierungsversuch eines gesellschaftlichen Problems, das uns alle betrifft.

Toxische Maskulinität bedeutet, dass extreme bis pervertierte Männlichkeitsvorstellungen soziale Gefüge „vergiften“, indem sie (patriarchale) Herrschsucht, Gewaltbereitschaft, (sexuelle) Verhaltensstörungen durch betroffene Männer, innerhalb von Familien, Institutionen, Arbeitsplätzen (oder einfach auf der Straße) fördern. Die überwiegenden Opfer dieser Toxizität sind Frauen. Das bereits erwähnte Body-Shaming kann mit diesbezüglichen Übergriffen einhergehen.

Frauen sind also doppelte Opfer. Denn unter der „toxischen Weiblichkeit“ nach Kunz, leiden sie nur selbst. Sie führt nicht dazu, dass sie ihre männlichen Partner verprügeln, vergewaltigen oder ermorden – wie dies durch vergiftete Männlichkeits-Vorstellungen geschehen kann.

Ein solcher Vergleich wäre deshalb schon schwierig, da man sich unter Maskulinität und Femininität im Grunde Eigenschaften bzw. Qualitäten vorstellt, die Menschen alle Gender in unterschiedlichen Ausprägungen besitzen – wobei sich so genannte feminine Qualitäten allerdings kaum dazu eignen, anderen Menschen gewaltsam Schaden zu zufügen. Frauen neigen bei psychischen Problemen auch häufiger zu autoaggressivem, selbstzerstörerischem Verhalten als Männer.

Das liegt nicht daran, dass Menschen mit männlichen Körpern bösartiger sind als Menschen mit weiblichen. Es liegt daran, dass Menschen mit männlichen Körpern von Klein auf anders sozialisiert werden als Menschen mit weiblichen – was zurück geht auf Jahrhunderte patriarchaler und militanter Gesellschaftsstrukturen, in denen Männer sich nur deshalb seltener als Opfer unmenschlicher Systeme wahrnahmen, weil es stets Gesellschaftsmitglieder gegeben hatte, die unter ihnen standen, die noch ohnmächtiger waren als sie selbst: Frauen und Kinder (bzw. verkindlichte Frauen).

 

Hier zeigt sich, wie der Begriff bereits Verwendung unter Antifeministen findet.

 

4. Fazit:

Dass sich Zeitungen, wie der Tages-Anzeiger, auf ein Aufreger-Thema wie Schönheits-OPs unter jungen Frauen konzentrieren, sobald es um das Hinterfragen pseudomännlicher Gewaltstrukturen gehen sollte, ist symptomatisch für die „Toxizität“ gewisser Medien. Einerseits benützt man das Thema, um unverhohlen das Problem der Gewalt an Frauen durch toxische Männlichkeit zu verdrängen. Andererseits verschweigt man die erfolgreichen jungen Frauen in den sozialen Netzwerken, die zudem oft feministische Botschaften liefern. Man beklagt hierbei, was man zugleich fördert: Stete Konzentration auf Oberflächliches und Objektivizierung von Frauen.

Es wäre schön, wenn vor allem Männer (wie Andreas Kunz) erkennen würden, dass der Feminismus nicht Männer an sich angreift, die in einem bestimmten Männlichkeits-Bild anhängen. Sondern dass es darum geht, Sozialisierungen, Gesellschafts-Konzepte und Vorstellungen zu vermeiden, die besonders den Frauen, aber letztlich uns allen schaden.

Dass man stattdessen Gegenangriffe auf den Feminismus startet, zeigt nur, wie sich die gekränkten Kinder einer Gesellschaft, die sich noch lange nicht von ihrer patriarchalen und militanten Vergangenheit erholt und emanzipiert hat, dagegen wehren, dass man an ihr alten Wunden und Traumata rührt.

Aber, liebe Männer, ihr seid nicht alleine. Ihr seid gesehen. Als Mann (und Feminist) kenne ich eure verborgene Irritation und euren Schmerz. Hört auf, jene zu attackieren, die euch helfen wollen!

Anhang:

https://www.spektrum.de/news/psychische-erkrankungen-treffen-maenner-anders-als-frauen/1415506

https://wienerin.at/psychische-erkrankungen-bei-frauen

https://bodyimagemovement.com/embrace-the-documentary/

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