Zum Weltfrauentag: Launische Feierlaune

Meine emotionale Hemmung, internationale Tage zu welchem Thema auch immer zu “begehen”, wurzelt im Bewusstsein, dass es am nächsten Tag genauso weitergeht wie zuvor. Natürlich ist es wichtig, die bisherigen Errungenschaften herausragender Feministinnen zu feiern. Der Tag ist wichtig, trotz gewisser Trittbrettfahrer*innen. Wer diesen Feiertag respektiert, respektiert auch den Einfluss feministischer Konsument*innen. Er ist wichtig, trotz gewisser Scheinheiligkeiten mancher Medienmacher*innen, die mit ihrem Zuspruch nur einen gewissen gut integrierten Typus Cis-Frau meinen und sich dabei manchmal dermaßen überschlagen, dass sie nicht ohne Abwertung aller anderen auskommen, indirekt auch gegenüber Frauen, die dem Ideal nicht entsprechen. Was, bei jedem guten Willen, eine fortbestehende kognitive Abhängigkeit von sexistischen Normen offenbart.
Es ist durchaus wichtig, daran zu erinnern: „Frauen sind stark!“. Wenn es motiviert. Der Tag sei auch den Zukunftsaussichten starker Feministinnen gewidmet. Aber die temporäre Glorifizierung der Frau im Allgemeinen bedeutet letztlich auch nur eine weitere, wenn auch positive Entmenschlichung. Das hat ein wenig vom Muttertag: Mensch lobt etwas, das er ansonsten als gottgegebene Selbstverständlichkeit erachtet. Es ist somit auch ein Tag für antifeministische Frauen?

Die Feierlichkeiten finden auch in einer gewissen Medien-Blase statt. Auch am internationalen Frauentag werden Frauen diskriminiert, geschlagen, vergewaltigt, ermordet, verstümmelt. Wie verwirrend wäre eine Art „Weihnachtsfriede“: Wenn mensch die Gewalt an einem Tag pausieren könnte, warum dann nicht auch im übrigen Jahr? Das ist vielleicht eine kindische Frage. Die Antwort des Erwachsenen lautet: Weil mensch es eben nicht kann. Nicht unter den gegebenen Bedingungen.

Die psychosozialen Mechanismen einer sexistischen Gesellschaft, die grundsätzlich auf institutionalisierten hierarchischen Machtstrukturen basiert, müssen sexistische Gewalt in verschiedenen Formen züchten. Der Aufbau unserer Gesellschaft ist schlecht, darum bringt er auch immer wieder das Schlechteste in Menschen hervor.

Ich war ein wenig irritiert, als der Vatikan eine medial groß angelegte Konferenz darüber abhielt, die klären sollte, warum sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung etwas Schlechtes seien. Dabei wissen das selbst die Täter. Deshalb geschieht es auch stets hinter “verschlossenen Türen”, deshalb schämen sich die Opfer und schweigen, in der Abgeschiedenheit diverser Institutionen, wo auch immer eine*r mächtiger ist als die anderen – in Kombination mit einem weit verbreiteten tabuisiert-pervertierten Verständnis von Sexualität: In der Kirche, in Pflegeeinrichtungen, in Wohnheimen für Menschen mit Behinderung, in Waisenhäusern, auf Ämtern, in Kernfamilien, bei Pflegeeltern. Wir leben in kleinen, isolierten Einheiten, die von einander nur das Allernotwendigste wissen. Geschützt werden diese sozialen Räume von diversen Verschwiegenheits-Regeln, Amtsgeheimnissen, Schweigepflichten und eingetrichterten Schamgefühlen. Nur keine Schwächen zeigen! Immer stark sein!

Nur in den sozialen Räumen des Internets wird das Maul aufgerissen, was zeigt, dass sich die Täter*innen ihrer Gewalttätigkeit oftmals nicht bewusst sind; wenn sie auch wissen müssen, dass das, was sie jemand anderen antun, eine entsprechende Wirksamkeit hat. Wissen ohne Bewusstsein: Dementsprechend mangelt es in Online-Debatten mehrheitlich an Mündigkeit, Differenzierung und Kontext.

Die unterschiedliche bzw. trennende Erziehung und Sozialisierung von Frauen und Männern ist eine Vorprogrammierung von Missverständnissen in heteronormativen Beziehungen, die auf unterschiedliche Weise zu Konflikten und psychischen Traumas führen. Dass diese meist ungestraft in Gewalttaten enden, liegt am Aufbau der sozialen Gefüge, innerhalb deren Ge- bzw. Verborgenheit sie verübt werden. Gerade Frauen in Beziehungen kapieren oft nicht, wenn sie sich bereits inmitten eines Konflikts befinden, der ihre Freiheit und/oder ihr Leben bedroht – und zwar vor lauter, von Klein auf erlernten Konfliktvermeidungsstrategien. Dort wo die Betriebsblindheit aber nachlässt, müssen viele Frauen feststellen, dass sie nicht (mehr) entkommen können, ohne vielleicht ein größeres Übel wählen zu müssen. Das liegt an den Strukturen unserer Gesellschaft, die Frauen – vor allem in bildungsärmeren Schichten – immer noch benachteiligt.

Dabei ist es offenbar schon schwierig genug, Gesetze so zu ändern, dass (potenzielle) Opfer besser geschützt oder wenigstens Täter effektiv bestraft werden können. Von einer positiven Veränderung bei Erziehung und sozialen Strukturen sind wir noch weit entfernt. Kulturelle Aspekte mit eindeutig sexistischem Ursprung oder Hintergrund, werden teilweise auch von Feminist*innen als solche ignoriert. Weil dieses Schlechte immer noch besser erscheint als die volle Konfrontation, die mensch riskiert, wenn mensch z.B. beginnen würde, das Feminine in die Sprache zu inkludieren oder gar genderneutral zu schreiben… Oder wenn mensch es wagen würde, die Kleidervorschriften für die jeweiligen Gender durcheinander zu bringen… Oder wenn die Kollegin, die ein technisches Problem hat, von drei anderen Kolleg*innen nicht ausschließlich mich hilfesuchend anblicken würde, nur weil sie davon ausgeht, dass ich als einzige*r einen Penis habe (und der Penis quasi als der Teil des Gehirns betrachtet wird, der für Technisches zuständig ist).

Wenn man eine sexistische Gesellschaft verändern will, muss man auch die sexistischen Aspekte ihrer Kultur verändern. Kollektive Motivationstrainings, die darauf abzielen, Individuen an das Schlechte in der Welt anzupassen, anstatt die Welt zu verbessern, sind irreführend und auf Dauer frustrierend.

Denn Frauen können stark sein, sollten aber auch schwach sein dürfen, ohne dass diese Schwäche sogleich von irgendjemanden ausgenützt wird bzw. werden kann. Anderenfalls könnte ich auch fordern, dass sich Frauen insgesamt zu professionellen Nahkämpferinnen ausbilden lassen, in der Kraftkammer Proteine und anderes Zeug schlucken und sich nur noch in Gangs durch die Gegend bewegen, um potenziellen Belästigern und Vergewaltigern in den Hintern treten zu können. Nur würden sie dann erstens solchen nicht mehr begegnen (es handelt sich schließlich um Feiglinge). Zweitens wäre es einfacher und besser, wenn mensch so sein könnte, wie mensch sein will – aggressiv oder zart, laut oder leise, kampfgewichtig oder elegant – ohne wegen dem Einen oder Anderen Gewalt fürchten zu müssen.

Eine Frau sollte auch nicht zweimal so kompetent sein müssen wie ihre männlichen Kollegen, um überhaupt Karriere machen zu können. Sie sollte sich nicht mit gelegentlichen Lob begnügen müssen, wenn sie neben dieser Karriere sich auch noch um Kinder und Haushalt kümmert. Sie sollte stattdessen einen Partner haben, der keinen “Father Of The Year”-Preis erwartet, nur weil er gelegentlich Windeln mit dem Abfall hinaus bringt. Und wir alle sollten ein soziales Netzwerk haben, das uns fördert und schützt, anstatt psychische Erkrankungen und Gewalt zu vertuschen. Eine Traumwelt.

Natürlich ist es wichtig, den vielen großartigen Frauen, die unsere Welt tatsächlich ein Stück besser machen, auf die Schulter zu klopfen – und öfter als einmal im Jahr. Aber der Rest der Frauen (und Männer), die immer noch untätig sind, brauchen eher einen Arschtritt. Lieber als ein Welttag für Frauen, wäre mir eine Welt für Frauen. Ich weiß, mensch kann nicht alles haben. Deshalb höre wieder auf zu jammern. Und wünsche derweil: Frohen Weltfrauentag!

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